“Südtirol hat sich erfolgreich auf die Herstellung von Spitzenweinen spezialisiert”

Kellermeister Stefan Kapfinger (Kellerei Meran) erklärt, was den Südtiroler Wein besonders macht, welche Merkmale für die Qualität eines Weines ausschlaggebend sind und unter welchen Bedingungen der Wein seinen Geschmack optimal entfalten kann.

Südtirol ist bekannt für Qualitätswein – aber warum eigentlich? Was macht den Wein in Südtirol besonders?

Wenn früher oft die Menge an Wein ausschlaggebend war, so hatte die Südtiroler Weinwirtschaft vor einigen Jahrzehnten die nötige Weitsicht und den Mut auf Ertragssenkung und Qualitätsentwicklung zu setzen. Das hat sich ausgezahlt, denn Südtirol hat sich erfolgreich auf die Herstellung von Spitzenweinen spezialisiert. Die Südtiroler Weine brauchen sich im weltweiten Vergleich nicht zu verstecken, bedenkt man, dass Südtirol – laut führenden und renommierten Weinführern – seit einigen Jahren die besten Weißweine Italiens produziert.

Die Südtiroler Weinwirtschaft will den Weinliebhaber mit sortentypischen, hoch qualitativen und authentischen Weinen begeistern. So sehen wir das auch bei der Kellerei Meran. Wir setzen zum Beispiel auf eine naturbelassene, schonende Verarbeitung der Trauben (unter anderem durch durch die Ganztraubenpressung und durch die sinnvolle Nutzung der Gravitation, um Pumpvorgänge zu minimieren). Als Kellermeister der Kellerei Meran glaube ich, dass es bei der Weinverarbeitung vor allem um Klarheit und Charakter und nicht um Styling oder Nachahmung geht. Weniger ist mehr, denn der regionale Ursprung soll so deutlich wie möglich im Aroma erkennbar sein! Wir stellen sortentypische Weine und authentische Botschafter Südtirols her.

Selbstverständlich ist die hochwertige Qualität um einiges arbeitsaufwändiger und damit auch kostenintensiver. Die Güte des Weines fängt bereits bei der richtigen Beurteilung der Weinberge und Böden an und erstreckt sich über die sorgfältige und zeitaufwändige Pflege der Weinberge (fast ausschließlich Handarbeit) bis hin zur Reduzierung der Traubenmenge und einer traditionsbewussten und schonenden Traubenverarbeitung. Dies sind alles Faktoren, die für eine erfolgreiche, hochwertige Traubenverarbeitung und für die Herstellung von Spitzenweinen, beachtet werden müssen.

Was Südtirols Weine außerdem noch einzigartig macht: Das Zusammenspiel zwischen mediterraner Wärme und alpiner Frische mit starken Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht für Weine mit ganz besonderer Finesse und einer ausgeprägten Aromabildung.

Gibt es objektive Parameter, an denen sich die Qualität eines Weines feststellen lässt, oder überwiegt am Ende doch der subjektive Geschmack?

Zu Beginn steht sicherlich die visuelle Wahrnehmung des Weines in den Vordergrund: Wie verhält sich der Wein in seiner Klarheit und Farbe? Weitere wichtige Indizien sind Duft-Sensorik und Geschmack des Weines, die mit Hilfe der Nase und des Gaumens bestimmt werden. Auch der Kork ist ein wichtiges Merkmal, der auf die Weinqualität zurückschließen lässt. Dieser muss einen neutralen Geruch aufweisen (der Kork ist ein Naturprodukt und luftdurchlässig, damit der Wein in der Flasche weiterreifen und sich entwickeln kann).

Die Aromen eines jeden Weines sind allerdings eine sehr individuelle Wahrnehmung und werden durch Früchte, Kräuter und verschiedene Aromen beschrieben. Wichtig ist, dass man sich mit dem Wein auseinandersetzt und sich auf die Aromen und den Geschmack einlässt. Das Geschmacksprofil eines hochqualitativen Weines gleicht den Eigenschaften weich, harmonisch, anhaltend und animierend, sowie gut integrierte Tannine (pflanzliche Gerbstoffe, die vorwiegend in Rotweinen vorkommen und sich positiv auf das Alterungspotential des Weines auswirken). Ein gutes Mundgefühl sollte die Verkostung des Weines abschließen.

Fazit: Es gibt eindeutige objektive Parameter, die für einen hochqualitativen Wein sprechen. Ob der Wein schlussendlich schmeckt oder nicht, ist aber eher eine subjektive Wahrnehmung eines jeden Weingenießers. Und über Geschmack lässt sich ja vortrefflich streiten. Auszeichnungen von renommierten Weinführern sind sicherlich ein guter Anhaltspunkt, man sollte sich aber nicht nur auf diese Benotungen verlassen. Wer einen Wein „erleben“ und einen Blick hinter den Kulissen werfen möchte, sollte sich über den Wein, über dessen Geschichte und Herstellung genau informieren.

Spielt der Alkoholgehalt eine Rolle in Bezug auf die Qualität eines Weines?

Der Alkoholgehalt des Weines lässt nicht direkt auf die Qualität des Weines schließen, hat aber Einfluss auf das „Geschmackserlebnis“, denn ein höherer Alkoholgehalt sorgt für ein volleres, intensiveres Aroma.

Viel wichtiger für einen hochwertigen Wein sind Faktoren wie eine gezielte Ertragsreduzierung, gesundes und einwandfreies Lesegut, die perfekte phenolische Reife der Trauben, eine gute Säurestruktur, einen tiefen pH-Wert und das Zusammenspiel der Aromen in der Frucht.

Es gibt hervorragende Weine mit niedrigem und mit hohem Alkoholgehalt. Es ist wohl eher eine Frage des Geschmacks, was man persönlich bevorzugt.

Was sind die optimalen Bedingungen einen Wein zu verkosten? Welche Rollen spielen Temperierung und Glasform dabei?

Ja, edle Tropfen muss man „richtig“ genießen. Mittelschwere und schwere Rotweine, die erst frisch abgefüllt wurden oder Rot- und Weißweine mit einer langen Flaschenlagerung (zehn Jahre und länger) sollten vor dem Trinken dekantiert werden. Hierzu sollte der Wein mit Fingerspitzengefühl langsam in einen Dekanter umgefüllt werden. Durch die Aufnahme von Sauerstoff kann dann der Wein seine Aromen erst richtig entfalten. Außerdem können dadurch eventuelle Flaschenablagerungen sauber vom Wein getrennt werden.

Die Faustregel zur Glasform und -größe: Je kräftiger der Wein, desto offener sollte der Weinkelch sein, damit sich der „Göttertrank“ in seiner vollen Kraft präsentieren kann. Jedes Weinglas ist nach oben hin verjüngt, damit sich die Aromen des Weines durch das Schwenken besser entfalten können. Bei kräftigeren Rotweinen empfiehlt sich somit ein größeres Weinglas. Für leichtere Weiß-, Rosé- und Rotweine hingegen eignet sich ein kleineres.

Weine sollten prinzipiell in trockenen und abgedunkelten Räumen, unter konstanter Temperatur zwischen 8-12°C gelagert werden – am besten eignet sich hierfür ein Kellerraum. Der Wein sollte erst kurz vor dem Öffnen in einem Klimaschrank oder im Kellerfach des Kühlschrankes gekühlt werden. Weiß- und Roséweine sollten bei einer Temperatur zwischen 10-12°C getrunken werden, auch leichte Rotweine bei 12-14°C und kräftigere Rotweine zwischen 16-18°C.

Haben Sie einen abschließenden Geheimtipp?

Geheimtipps hätte ich mehrere, wie zum Beispiel unsere vier Bergweine aus der alpinen Weinlinie „Vinschgau“ – authentische Botschafter rekordverdächtiger, extremer Wetterbedingungen. Aber auch unser Weißburgunder Riserva „V Years“: Ein reifer, absolut harmonischer Meditationswein, der 5 Jahre im Keller auf der Feinhefe reift und erst dann abgefüllt wird. Eine echte Rarität, bei der das große Potential der Südtiroler Leitsorte Weißburgunder erst richtig zur Geltung kommt. Dieser edle Tropfen ist allerdings auch im höheren Preissegment angesiedelt.

Was ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Die Kellerei Meran hat sich inzwischen auch der Sektherstellung verschrieben. Der fruchtige und gereifte Südtiroler Jahrgangssekt Brut Riserva 36 wird mittels aufwändiger und zeitintensiver Flaschengärung (metodo classico) hergestellt und reift ganze 36 Monate (deshalb auch der Name) auf der Feinhefe, wo er sich eine besonders feine Perlage aneignet. Dabei bleibt der Sekt vom ersten bis zum letzten Produktionsschritt in derselben Flasche. Jede Flasche beinhaltet somit ihren eigenen, einzigartigen Gärprozess. Deshalb ist auch jede Flasche ein echtes Unikat.

Und weil leichtere Weine momentan ein Thema sind, zum Abschluss noch einen Ganzjahres-Tipp: Der Meraner Vernatsch „Schickenburg“ aus der Graf-Linie ist ein leichter, fruchtiger Rotwein, der begeistert und gleichermaßen jung und gereift schmeckt. Ein moderner Wein aus einer autochthonen Rebsorte, der in Vergangenheit oft unterschätzt wurde, jedoch mit der richtigen Aufmerksamkeit und einer hoch qualitativen Herstellung sich immer größerer Beliebtheit erfreut und immer mehr zur mediterranen Küche serviert wird. Gekühlt ist der „Meraner“ auch als „rote“ Aperitif-Alternative sehr gut geeignet. Die italienischen Weinführer schätzen diesen Wein sehr.

Sie sehen, für jeden Gaumen gibt es den passenden Wein. Man muss ihn nur finden!